Gedenkstätte Breitenau

Gedenkstätte Breitenau


In Guxhagen in der Nähe von Kassel erinnert eine Gedenkstätte an das Schicksal der Inhaftierten des frühen Konzentrationslagers Breitenau und des später von der Gestapo eingerichteten »Arbeitserziehungslagers«. Beide Lager befanden sich auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Breitenau.

Geschichte

Kurz nach der Machtübernahme durch die NSDAP veranlassten die Behörden die Einrichtung zahlreicher »Schutzhaftlager« im Deutschen Reich, um eine große Anzahl von politischen Gefangenen festhalten zu können. Im hessischen Guxhagen entstand ein solches frühes Konzentrationslager in einer alten Klosteranlage aus dem zwölften Jahrhundert. Auf Befehl des Polizeipräsidenten in Kassel wurde das zuvor als Landesarbeitsanstalt genutzte Gemäuer für die Aufnahme der Gefangenen umgebaut. In der Zeit von Juni 1933 bis März 1934 wurden hier etwa 470 politische Gefangene festgehalten. In den ersten Monaten war das Polizeipräsidium Kassel für die Bewachung der Gefangenen zuständig. Danach übertrug sich die Zuständigkeit für das KZ Breitenau immer mehr in den Bereich der SS. Die Gefangenen mussten in einer in Breitenau ansässigen Mattenfabrikation arbeiten oder kamen in der näheren Umgebung zum Arbeitseinsatz. Einige der politischen Häftlinge wurden von den Wachmannschaften schwer misshandelt. Im Zuge der geplanten Auflösung verließen ab Oktober 1933 immer wieder Häftlinge das KZ Breitenau. Ein Teil der Männer wurde entlassen, ein größerer Teil jedoch in andere Konzentrationslager überstellt. Ab März 1934 wurde das Kloster wieder als Arbeitsanstalt genutzt.
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges richtete die Gestapo hier ein »Arbeitserziehungslager« für tausende ausländische Zwangsarbeiter ein. Zu den Gründen und Vorwänden für die Verhaftung der Frauen und Männer zählten zum Beispiel unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsplatz, Sabotage sowie Arbeitsverweigerung. Während ihrer meist ein bis zwei Monate dauernden Haftzeit sollten die Zwangsarbeiter zu einem besseren Arbeitseinsatz »erzogen« werden. Die Klosteranlage diente der Gestapo zudem als Haftstätte für politische Gegner und als Sammellager für Juden aus dem Regierungsbezirk Kassel.

Opfergruppen

In den neun Monaten seines Bestehens durchliefen etwa 470 Männer das frühe KZ Breitenau. Wie viele dieser Gefangenen nach ihrer Verlegung in andere Konzentrationslager starben ist unbekannt.
Im späteren »Arbeitserziehungslager« hielt die Gestapo in der Zeit von 1940 bis 1945 insgesamt über 8.300 Menschen gefangen. Etwa 7.000 von ihnen waren Zwangsarbeiter. Sie kamen unter anderem aus der Sowjetunion, aus Polen, aus Frankreich, aus den Niederlanden sowie aus Italien. Der größte Teil von ihnen war zwischen 17 und 25 Jahre alt, viele auch jünger. Über 150 jüdische Männer, Frauen und Kinder deportierte die SS von Guxhagen nach Dachau und Auschwitz. Zu einer weiteren Gruppe von Gefangenen zählten politische Gegner des Nationalsozialismus, Zeugen Jehovas und »Asoziale«. Ein Teil von ihnen wurde von SS und Gestapo in die Konzentrationslager Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen verbracht. Kurz vor der Befreiung durch das amerikanische Militär erschossen Angehörige der SS und der Gestapo Ende März 1945 etwa 28 Gefangene in Guxhagen.

Erfahre mehr über Deutschland

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die staatliche Verfolgung der Gegner des Regimes, von Juden, als »Zigeuner« bezeichneten Roma, Patienten sowie zahlreichen anderen Gruppen. Antisemitismus wurde erstmals Bestandteil der Regierungspolitik eines modernen Staates, die Verfolgung aller Gruppen schrittweise verschärft. Dabei griffen staatliche Verordnungen, Gewalttaten von Anhängern des Regimes und die Hetze der Presse ineinander. Der Terror gegen Juden im November 1938 (»Kristallnacht«) mit etwa hundert Toten bildete den Scheitelpunkt hin zur vollständigen Ausgrenzung und Ermordung der jüdischen Minderheit. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gerieten weite Teile Europas unter deutsche Herrschaft. Insbesondere im Osten entstand ein vielgliedriges System von Lagern und Mordstätten, in dem die SS bis zu sechs Millionen Juden, unter ihnen etwa 165.000 deutsche Juden, ermordete. Die Zahl der übrigen Deutschen, die in Folge des Krieges ihr Leben verloren, wird auf etwa sieben Millionen geschätzt, darunter fast 3,5 Millionen Zivilisten. Etwa 28 Millionen Einwohner der besetzten Sowjetunion (Soldaten und Zivilbevölkerung) und drei Millionen nichtjüdische Polen kamen gewaltsam zu Tode; an sie wird in Deutschland bis heute kaum erinnert. Deutschland wurde 1945 von den Alliierten besetzt; 1949 entstanden die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) mit sehr unterschiedlichen Gedenkkulturen. In der DDR dominierte die Selbstinterpretation als »antifaschistischer« deutscher Nachfolgestaat. Die Orte der ehemaligen Konzentrationslager (KZ) Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen wurden zu »Nationalen Mahn- und Gedenkstätten« und stellten vor allem den kommunistischen Widerstand dar. In der Bundesrepublik dominierte zunächst die Erinnerung an die Opfer der alliierten Bombenangriffe, von Flucht und Vertreibung. Das Gedenken an die nationalsozialistische Verfolgung, den Holocaust oder den Widerstand war einzelnen Gruppen überlassen, Täter und Tatbeteiligungen – außerhalb juristischer Prozesse – kein Gegenstand öffentlicher Diskussion. Das änderte sich ab Mitte der 1960er Jahre, als nach intensiver Debatte die Verjährung für Mord aufgehoben wurde. Gleichzeitig entstanden Erinnerungsstätten an Orten ehemaliger KZ (1965: Dachau und Neuengamme; 1966: Bergen-Belsen) und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1968 in West-Berlin. Erst in den 1980er Jahren entwickelte sich durch lokale Initiativen eine vielfältige, oft kleinteilige Erinnerungslandschaft. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurden eine gesamtstaatliche Gedenkstättenkonzeption entwickelt und Orte der Erinnerung umfangreich überarbeitet. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin konnte 2005 der Öffentlichkeit übergeben werden. Eine umfangreiche Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Täter, die Topographie des Terrors, wurde im Mai 2010 eröffnet; das Ausstellungszentrum »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« folgte 2021. Mittlerweile erinnern zentrale Denkmäler in Berlin auch an weitere Opfergruppen: An die ermordeten Sinti und Roma, an die Opfer im Rahmen der NS-»Euthanasie« ermordeten Patienten und an die verfolgten Homosexuellen. Die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in den früheren Ostgebieten fielen nach Kriegsende einem doppelten Vergessen anheim. Die Erinnerung blieb für Jahrzehnte auf landsmannschaftliche Verbände in der BRD beschränkt und schloss die Zeit von 1933 bis 1945 meist aus. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nehmen sich jedoch deutsche, polnische, litauische und russische Initiativen auch dieses Teils der deutschen Vergangenheit an.

Erinnerung

Nach dem Krieg befand sich in Breitenau von 1952 bis 1973 ein geschlossenes Erziehungsheim für Mädchen. Seit 1974 befindet sich in dem ehemaligen Kloster eine offene psychiatrische Einrichtung. Die Gedenkstätte Breitenau wurde 1984 von der Universität Kassel mit der Unterstützung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen gegründet. 1992 erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Künstler Stephan van Borstel eine Umgestaltung der Ausstellung. Bereits zuvor, im Jahr 1987, weihte die Gemeinde Guxhagen am Fuldaberg einen Gedenkstein für die am 30. März 1945 erschossenen Zwangsarbeiter ein. Ebenfalls am Fuldaberg sind die Reste eines »SS-Ehrenmals« zu sehen, das 1933 Gefangene des KZ Breitenau errichten mussten.
Mehr durch Zufall wurden im Keller des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen in Guxhagen tausende Akten zu beiden Lagern entdeckt. Sie enthielten eine Liste mit Angaben zu den politischen Gefangenen des KZ Breitenau, Akten zu den Inhaftierten des Arbeitserziehungslagers sowie einen Teil der Korrespondenz der Lagerleitung. Die Quellen wertete Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar in Zusammenarbeit mit Studierenden und Mitarbeitern der Universität Kassel aus. Die gewonnenen Informationen wurden in die Ausstellung einbezogen.

Angebote

Lesungen, Zeitzeugengespräche, wechselnde Ausstellungen

Öffnungszeiten

Montags bis freitags 9.00 bis 13.00 und 14.00 bis 16.00, sonntags 13.00 bis 17.00

Kontakt

http://www.gedenkstaette-breitenau.de

info@gedenkstaette-breitenau.de

+49 (0)5665 353 3

Brückenstraße 12
34302 Guxhagen