Holocaustdenkmal Saloniki

Mnimeio Olokaytomatos Ewreon Salonikis


Seit 1997 erinnert ein Denkmal im Zentrum Salonikis an die ermordeten Juden der Stadt. Nach den Deportationen nach Auschwitz-Birkenau, die 1943 innerhalb weniger Monate erfolgten, kehrten nur noch wenige Hundert überlebende Angehörige der einst größten jüdischen Gemeinde Griechenlands zurück.

Geschichte

Saloniki ist die Hauptstadt der Region Zentralmakedonien im Norden Griechenlands. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier etwa 50.000 Juden, etwa siebzig Prozent aller Juden Griechenlands. Sie waren größtenteils sephardische Juden ─ ihre Vorfahren waren gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien eingewandert. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im April 1941 gehörte die zweitgrößte Stadt des Landes zur deutschen Besatzungszone. Jüdische Männer mussten Zwangsarbeit leisten und häufige Schikanen und Misshandlungen durch deutsche Soldaten über sich ergehen lassen. Im Dezember 1942 kamen Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes in die Stadt, um die Deportation der Juden Salonikis zu organisieren. Das »Sonderkommando für Judenangelegenheiten« unter Leitung der beiden SS-Hauptsturmführer Dieter Wisliceny und Alois Brunner wurde von der örtlichen Militärverwaltung unterstützt. Sie machten sich vor allem den Einfluss des Oberrabiners von Saloniki, Zvi Koretz, zu Nutze, der gehofft hatte, durch Zusammenarbeit die Deutschen besänftigen zu können. Über ihn leiteten die Nationalsozialisten in den folgenden Monaten sämtliche Erlasse weiter, die die Rechte der Juden immer weiter einschränkten und die späteren Deportationen ermöglichten. Auf Befehl des Sonderkommandos wurden Anfang März 1943 mehrere Stadtviertel zu Ghettos bestimmt und in den folgenden Tagen durch griechische Polizei abgeriegelt. Die ärmeren Juden, die im Ghetto im Baron-Hirsch-Viertel lebten, wurden bereits zwei Wochen später deportiert. Auch alle folgenden Transporte ließen Brunner und Wisliceny aufgrund von dessen Nähe zum Bahnhof über dieses Ghetto abwickeln. Den Juden wurde über den Oberrabiner mitgeteilt, dass sie in die Nähe von Krakau umgesiedelt würden. Die meisten Transporte hatten jedoch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zum Ziel. Einzige Ausnahme war ein Transport mit privilegierten Juden, unter ihnen Zvi Koretz, der in das Konzentrationslager Bergen-Belsen fuhr.

Opfergruppen

In 18 Deportationszügen schickten SS und Wehrmacht zwischen dem 15. März und dem 11. August 1943 über 45.000 Juden aus Saloniki in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Von ihnen ermordete die SS knapp 34.000 sofort nach ihrer Ankunft durch Giftgas. Etwa 11.000 salonikische Juden mussten vor Ort Zwangsarbeit leisten. SS-Ärzte missbrauchten Hunderte Mädchen aus Saloniki für Sterilisationsexperimente. Unter den Deportierten befanden sich über 2.200 Juden, die aus den nördlich von Saloniki gelegenen Regionen und aus Ostthrakien stammten. Die deutschen Besatzer hatten sie zeitgleich mit den salonikischen Juden erfasst und in den Ghettos eingesperrt.

Erfahre mehr über Griechenland

Im April 1941 marschierte die Wehrmacht in das Königreich Griechenland ein. Das Land wurde zwischen dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten Italien und Bulgarien aufgeteilt. Die anschließende Plünderung der Landwirtschaft und der wenigen industriellen Anlagen des Landes verursachte im Winter 1941/42 eine Hungersnot, die vermutlich über 100.000 Griechen das Leben kostete. In der deutschen Besatzungszone bestimmten Raub, öffentliche Misshandlungen, Verhaftungen, Mord und Zwangsarbeit den Alltag der Juden. Zwischen dem 15. März und Mitte August 1943 organisierte ein SS-Sonderkommando – von den örtlichen Militärverwaltungen unterstützt – 19 Transporte mit etwa 46.000 Juden von Saloniki in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Treblinka. Bereits Anfang März hatten die Behörden im bulgarischen Besatzungsgebiet, der griechischen Provinz Thrakien, über 4.000 Juden verhaftet, die die SS daraufhin nach Treblinka verschleppte. Im Herbst 1943 – nach der Kapitulation Italiens – rückte die Wehrmacht in die italienisch besetzte Zone Griechenlands ein. Im März 1944 deportierte die SS auch die dort ansässigen über 8.500 Juden – aus Athen, Ioannina oder von der Insel Rhodos – nach Auschwitz-Birkenau, deren Auslieferung Italien verweigert hatte. Die Zahl der ermordeten griechischen Juden liegt bei etwa 59.000. Das deutsche Besatzungsregime führte zu einer immer stärkeren griechischen Widerstandsbewegung, die 1943/44 von der Wehrmacht durch zahlreiche, brutale Übergriffe, Vergeltungsaktionen und Massenerschießungen bekämpft wurde. Ganze Dörfer, wie zum Beispiel Kalavrita und Distimo, wurden ausgelöscht. Insgesamt fanden wahrscheinlich über 100.000 griechische Zivilisten den Tod. Bereits während der deutschen Besatzung, ab 1944, hatten sich rechte, königstreue und linke, kommunistische Gruppierungen in Griechenland bekämpft. Diese Auseinandersetzung wurde von 1946 bis 1949 in einem Bürgerkrieg fortgeführt. Die siegreiche – von Großbritannien und den USA unterstützte – Rechte verfolgte einen strikt antikommunistischen Kurs. Um einem drohenden Wahlsieg der Linken zuvorzukommen, putschte sich 1967 das Militär an die Macht und regierte das Land in den folgenden sieben Jahren. Erst nach der Aufnahme Griechenlands in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1981 kam es zur Anerkennung auch des linken Widerstandes im Zweiten Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1990/91 schließlich zur Überwindung des gespaltenen Gedenkens und zu einer Aufarbeitung des Bürgerkriegs 1946–1949. Die griechische Gedenkkultur ist heute in weiten Teilen noch immer durch das Gedenken an den Widerstand gegen die Deutschen dominiert. Inschriften beziehen die Bezeichnung »Holocaust« nicht selten auf den Mord an der Zivilbevölkerung, beispielsweise als »Holocaust von Kalavrita«. Das Gedenken an die Ermordung von 85 Prozent der griechischen Juden blieb lange Zeit den jüdischen Gemeinden überlassen. In Saloniki, der Stadt mit der früher größten Gemeinde, stand bis 1997 auf dem jüdischen Friedhof das einzige Denkmal zur Erinnerung an den Holocaust. Mit den Feierlichkeiten anlässlich der Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 1997 errichtete die Stadt an zentraler Stelle ein Holocaustdenkmal, das 2005 an eine andere Stelle umgesetzt wurde. 2010 wurde auch in Athen ein neues Holocaustdenkmal enthüllt. Ein Holocaustmuseum in Saloniki, an dem sich auch die Bundesrepublik Deutschland mit zehn Millionen Euro beteiligt, ist im Bau.

Erinnerung

Bis Mitte der 1990er Jahre wurde in Saloniki die Geschichte der Juden kaum beachtet. Es lebten nur noch wenige Hundert Juden in der Stadt. Das einzige Denkmal, das an die Deportierten erinnerte, stand seit 1962 auf dem nach dem Krieg angelegten Neuen Jüdischen Friedhof. 1996 benannte die Stadtverwaltung einen öffentlichen Platz in »Platz der Jüdischen Märtyrer des Holocaust« um. Hier wurde im Jahr 1997, als Saloniki den Titel Kulturstadt Europas innehatte, im Auftrag der griechischen Regierung ein zentrales Holocaustdenkmal aufgestellt. Es stammt von dem jüdischen Bildhauer und Holocaustüberlebenden Nandor Glid. Er gestaltete zahlreiche Erinnerungsstätten in Europa, unter anderem in Belgrad und für die Gedenkstätte Dachau. Sein Denkmal in Saloniki, das nach seinem Tod von seinen Söhnen fertiggestellt wurde, stellt symbolisch eine brennende Menora dar. Das Denkmal sorgte für heftige Auseinandersetzungen und wurde in den folgenden Jahren immer wieder beschmiert und beschädigt.
Im Jahr 2005 wurde das Denkmal umgestellt und ist seither auf dem Plateia Eleftherias (Freiheitsplatz) zu sehen. Hier hatten am 11. Juli 1942 die deutschen Besatzungsbehörden die jüdischen Männer Salonikis einer entwürdigenden Registrierungsprozedur unterzogen, bei der sie in der glühenden Hitze öffentlich gedemütigt wurden.
2001 wurde in der Stadt ein Jüdisches Museum eröffnet, das in seiner Dauerausstellung auch auf den Holocaust eingeht.

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