Auschwitz-Stiftung

Fondation Auschwitz / Stichting Auschwitz


Die Auschwitz-Stiftung wurde 1980 vom Auschwitz-Überlebenden Paul Halter als Nachfolgerin einer in der Nachkriegszeit gegründeten Organisation für politische Deportierten gegründet. Sie zielt darauf, die Aufarbeitung des Holocausts in Belgien zu fördern und die Weitergabe der Erinnerung an die heutigen Generationen durch Bildung und Vermittlung zu sichern.

Geschichte

Mit dem Beginn des Westfeldzuges griff die deutsche Wehrmacht das bis dahin neutral gebliebene Belgien an. Nach der Kapitulation des Landes am 28. Mai 1940 wurde das Gebiet Belgiens unter deutsche Militärverwaltung gestellt. Damals lebten rund 66.000 Juden im Land, die meisten von ihnen in Antwerpen und Brüssel. Viele von ihnen waren Flüchtlinge. Ende Oktober 1940 wurden die ersten antijüdischen Verordnungen zur Erfassung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung erlassen. Ab dem Sommer 1942 folgten Razzien und Deportationen. Insgesamt fuhren 27 Transportzüge mit jüdischen Deportierten von Belgien nach Auschwitz ab. Mehrere hundert Juden wurden von Belgien aus auch in die Lager Bergen-Belsen, Buchenwald, Ravensbrück und Vittel verschleppt. Die Kazerne Dossin in Mechelen diente als Durchgangs- und Sammellager für die in Belgien verhafteten Juden. Insgesamt wurden rund 25.000 Juden aus Belgien in deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.

Außer Juden wurden auch zahlreiche politische Gegner und Widerstandskämpfer aus Belgien in deutsche Lager deportiert. Dies wurde vor allem von dem sogenannten »Nacht-und-Nebel-Erlass« vom 7. Dezember 1941 ermöglicht, der vorsah, dass des Widerstands verdächtigte Personen aus Belgien, Frankreich, Holland, Luxemburg und Norwegen heimlich nach Deutschland verschleppt werden konnten, wo sie entweder im Gefängnis auf ihre Verhandlung vor einem Sondergerichtshof warten mussten oder mit dem Kürzel NN in einem Konzentrationslager inhaftiert wurden. Als Hauptinternierungsort für NN-Häftlinge diente das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im annektierten Elsass.

Opfergruppen

Insgesamt wurden 24.906 jüdische Kinder, Frauen und Männer in 27 Transporten zwischen 1942 und 1944 von Belgien nach Auschwitz deportiert. Weitere 218 Juden wurden von Belgien in die Lager Bergen-Belsen, Buchenwald, Ravensbrück und Vittel verschleppt. Aus dem in Frankreich errichteten Durchgangs- und Sammellager Drancy wurden mindestens 5.034 Juden nach Auschwitz verschleppt, die noch im Mai 1940 in Belgien gelebt hatten und später nach Frankreich geflohen waren oder von den belgischen Behörden ausgewiesen worden waren. Rund 40 Prozent der 66.000 Juden, die im Mai 1940 in Belgien gelebt hatten, überlebten den Holocaust nicht.

Etwa 40.000 politische Gegner und Widerstandskämpfer wurden in Belgien verhaftet, mehr als die Hälfte von ihnen im Jahr 1944. Fast 15.000 verloren ihr Leben. Die Anzahl der politischen Gegner und Widerstandskämpfer, die von Belgien in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden, wird auf 6.000 bis 7.000 geschätzt. Dazu kommen noch rund 4.500 NN-Häftlinge.

Auch 353 Sinti und Roma aus Nordfrankreich und Belgien wurden in den ersten Monaten von 1944 nach Auschwitz verschleppt. Nur 33 von ihnen überlebten die Deportation.

Homosexuelle wurden im deutsch besetzten Belgien nicht explizit verfolgt. 7 Männer wurden jedoch zwischen 1942 und 1944 für ihre Homosexualität in Belgien zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Erfahre mehr über Belgien

Das neutrale Belgien wurde im Mai 1940 angegriffen und stand fortan unter deutscher Militärverwaltung. Das deutschsprachige Gebiet um Eupen-Malmedy im Osten Belgiens wurde Teil des Deutschen Reiches. Damals lebten etwa 66.000 Juden im Land, darunter viele Flüchtlinge. Im Oktober 1940 wurden die ersten antijüdischen Verordnungen erlassen. Die Verfolgungs- und Beraubungspolitik der Besatzungsmacht mündete 1942 in die Vorbereitung systematischer Deportationen. Nachdem nur wenige Juden den Aufrufen zu angeblichen Zwangsarbeitseinsätzen folgten, führte der SS- und Polizeiapparat Razzien durch. Nach einem Aufenthalt im Zwischenlager Mechelen wurden die Verhafteten in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt und dort sofort ermordet. Insgesamt fielen etwa 25.000 Juden und mehr als 350 Roma aus Belgien den Deportationen zum Opfer. Die Festung Breendonk bei Antwerpen diente ab September 1940 als Gefängnis, Auffang- und Durchgangslager, von wo vor allem politische Gegner der nationalsozialistischen Besatzer in deutsche Konzentrationslager transportiert wurden. Ende 1944 kam es im Rahmen der Ardennenoffensive im Südosten des Landes – in Lüttich und der Gegend um Malmedy – zu weitreichenden Zerstörungen mit zahlreichen zivilen Opfern, als deutsche Truppen erfolglos versuchten, die bereits bis Aachen vorgerückten Alliierten aufzuhalten. Etwa 90.000 Belgier wurden Opfer von Krieg und Besatzung. Die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung konnte dank der Hilfe nichtjüdischer Belgier überleben. Die belgische Gedenkkultur war und ist – entsprechend der politischen Struktur des Landes – mehrfach gespalten: Im französischsprachigen, wallonischen Landesteil ging lange eine verbreitete Überbewertung des Widerstandes mit der einseitigen Wahrnehmung Flanderns als »schwarz«. Dort wiederum beschönigten viele die Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern als Kampf für die vom belgischen Staat verfolgte flämische Nation. Die Verfolgung der Juden wurde verdrängt, ein Gedenken lediglich von der jüdischen Gemeinschaft aufrechterhalten. Seit den 1980er Jahren setzten sich an belgischen Gedenkorten jene Darstellungen durch, die nicht nur die flämische, sondern auch die wallonische Kollaboration zeigten und sowohl Widerstand als auch Unterdrückung zum Thema machten. Bei der Eröffnung des jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseums im flandrischen Mechelen im Jahr 1995 wurde deutlich, dass die von jüdischen und nichtjüdischen Belgiern geteilte Lagererfahrung eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Erinnerungen schafft. Die gleichberechtigte Existenz verschiedener Gedenkstätten wie zum Beispiel der Stätte des nationalen Widerstands in Breendonk und des Museums in Mechelen scheint inzwischen selbstverständlich zu sein.

Erinnerung

In den ersten Jahren der Nachkriegszeit richtete sich die belgische Gedenkkultur hauptsächlich an die deportierten politischen Gegner und Widerstandskämpfer, deren Heldentum gewürdigt werden sollten. Andere Opfer der Deportationen, vor allem die aus rassischen Gründen verfolgten Juden sowie Sinti und Roma, wurden der öffentlichen Debatte zunächst vernachlässigt. Dies galt auch für die verschiedenen Vereine, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Belgien gegründet wurden, um die Interessen der überlebenden Deportierten zu vertreten, unter anderem die »Amicale belge des ex-prisonniers politiques de Silésie« (deutsch: »Belgischer Verein der ehemaligen politischen Gefangenen von Schlesien«).

Mit der allmählichen Anerkennung der Besonderheit des von den Nationalsozialisten begangenen Völkermordes an den Juden in Belgien kam es zu einem Wandel in der Gedenkkultur: Statt einer rein patriotischen Erinnerung, in der die jüdische Erfahrung kaum vorkam, stand immer mehr das »Kriterium des Leidens« im Mittelpunkt, wodurch der Völkermord an den Juden eine zentrale Rolle bekam. Die Umbenennung der »Amicale belge des ex-prisonniers politiques de Silésie« im Jahr 1976 in »Amicale belge des ex-prisonniers politiques d’Auschwitz-Birkenau, camps et prisons de Silésie« (deutsch: »Belgischer Verein der ehemaligen politischen Gefangenen von Auschwitz-Birkenau, der Lager und der Gefängnisse von Schlesien«) spiegelte diese Veränderung wider.

Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt durch die Gründung der Auschwitz-Stiftung durch den Auschwitz-Überlebenden Paul Halter als Nachfolgerin der »Amicale belge des ex-prisonniers politiques d’Auschwitz-Birkenau, camps et prisons de Silésie« im Jahr 1980. Zu den Hauptzielen der Stiftung wurden die Aufarbeitung des Holocausts in Belgien und die Weitergabe der Erinnerung an die jüngeren Generationen. Heute hat die Stiftung ihre Tätigkeitsbereiche erweitert: Neben Studienreisen zu den Standorten von ehemaligen Lagern im heutigen Polen bietet die Stiftung mehrere Wanderausstellungen, eine Fachbibliothek, ein umfangreiches Archiv sowie Forschungsstipendien und wissenschaftliche Publikationen.

Angebote

Wanderausstellungen zu verschiedenen Themen, Studienreisen, Dokumentationszentrum, Onlineressourcen, wissenschaftliche Zeitschrift, Symposien, Kulturveranstaltungen

Öffnungszeiten

Montags bis freitags 9.30 bis 16.30 nach Vereinbarung

Kontakt

https://www.auschwitz.be/

info@auschwitz.be

+32 2 512 79 98

Rue aux Laines 17
1000 Brüssel/Brussels, Belgien/Belgium