Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas

Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas


Seit 2026 erinnert ein zentrales Mahnmal in Berlin an die Kinder, Frauen und Männer der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas, die wegen ihres Glaubens im Nationalsozialismus verfolgt, inhaftiert oder ermordet wurden.

Geschichte

Die christliche Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, die sich auch Ernste Bibelforscher nannte, war seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland aktiv. »Der Wachturm« erschien erstmals 1897 in deutscher Sprache. Bereits im Ersten Weltkrieg verweigerten viele Mitglieder der Glaubensgemeinschaft den Kriegsdienst. Während der Weimarer Republik konnte sich die Gemeinschaft zwar in Deutschland etablieren, sie wurde jedoch auch von vielen angefeindet. Dennoch wuchs die Gemeinschaft bis Ende der Weimarer Republik auf etwa 25.000 Mitglieder an.

1933 wurden die Zeugen Jehovas, wie sich die Gemeinschaft seit 1931 nannte, in Deutschland verboten. Bibelforscher wurden während der NS-Zeit auch außerhalb Deutschlands im nationalsozialistisch beherrschten Europa verfolgt.

Aus religiöser Überzeugung leisteten Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Widerstand gegen den Nationalsozialismus: Sie verweigerten den Hitlergruß, die Mitgliedschaft in staatlichen Organisationen sowie den Kriegsdienst, obwohl auf Kriegsdienstverweigerung die Todesstrafe stand. Bibelforscher halfen anderen Verfolgten und klärten öffentlich über den verbrecherischen Charakter des Regimes auf.

Opfergruppen

Über 1.800 Bibelforscher verloren während der Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben. Mehr als 280 Männer wurden wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichtet. Über 600 Kinder wurden ihren Eltern weggenommen. Mehr als 14.000 Bibelforscher wurden inhaftiert, darunter 4.200 in Konzentrationslagern, wo sie mit dem »lila Winkel« gekennzeichnet wurden.

Erfahre mehr über Deutschland

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die staatliche Verfolgung der Gegner des Regimes, von Juden, als »Zigeuner« bezeichneten Roma, Patienten sowie zahlreichen anderen Gruppen. Antisemitismus wurde erstmals Bestandteil der Regierungspolitik eines modernen Staates, die Verfolgung aller Gruppen schrittweise verschärft. Dabei griffen staatliche Verordnungen, Gewalttaten von Anhängern des Regimes und die Hetze der Presse ineinander. Der Terror gegen Juden im November 1938 (»Kristallnacht«) mit etwa hundert Toten bildete den Scheitelpunkt hin zur vollständigen Ausgrenzung und Ermordung der jüdischen Minderheit. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gerieten weite Teile Europas unter deutsche Herrschaft. Insbesondere im Osten entstand ein vielgliedriges System von Lagern und Mordstätten, in dem die SS bis zu sechs Millionen Juden, unter ihnen etwa 165.000 deutsche Juden, ermordete. Die Zahl der übrigen Deutschen, die in Folge des Krieges ihr Leben verloren, wird auf etwa sieben Millionen geschätzt, darunter fast 3,5 Millionen Zivilisten. Etwa 28 Millionen Einwohner der besetzten Sowjetunion (Soldaten und Zivilbevölkerung) und drei Millionen nichtjüdische Polen kamen gewaltsam zu Tode; an sie wird in Deutschland bis heute kaum erinnert. Deutschland wurde 1945 von den Alliierten besetzt; 1949 entstanden die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) mit sehr unterschiedlichen Gedenkkulturen. In der DDR dominierte die Selbstinterpretation als »antifaschistischer« deutscher Nachfolgestaat. Die Orte der ehemaligen Konzentrationslager (KZ) Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen wurden zu »Nationalen Mahn- und Gedenkstätten« und stellten vor allem den kommunistischen Widerstand dar. In der Bundesrepublik dominierte zunächst die Erinnerung an die Opfer der alliierten Bombenangriffe, von Flucht und Vertreibung. Das Gedenken an die nationalsozialistische Verfolgung, den Holocaust oder den Widerstand war einzelnen Gruppen überlassen, Täter und Tatbeteiligungen – außerhalb juristischer Prozesse – kein Gegenstand öffentlicher Diskussion. Das änderte sich ab Mitte der 1960er Jahre, als nach intensiver Debatte die Verjährung für Mord aufgehoben wurde. Gleichzeitig entstanden Erinnerungsstätten an Orten ehemaliger KZ (1965: Dachau und Neuengamme; 1966: Bergen-Belsen) und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1968 in West-Berlin. Erst in den 1980er Jahren entwickelte sich durch lokale Initiativen eine vielfältige, oft kleinteilige Erinnerungslandschaft. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurden eine gesamtstaatliche Gedenkstättenkonzeption entwickelt und Orte der Erinnerung umfangreich überarbeitet. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin konnte 2005 der Öffentlichkeit übergeben werden. Eine umfangreiche Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Täter, die Topographie des Terrors, wurde im Mai 2010 eröffnet; das Ausstellungszentrum »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« folgte 2021. Mittlerweile erinnern zentrale Denkmäler in Berlin auch an weitere Opfergruppen: An die ermordeten Sinti und Roma, an die Opfer im Rahmen der NS-»Euthanasie« ermordeten Patienten und an die verfolgten Homosexuellen. Die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in den früheren Ostgebieten fielen nach Kriegsende einem doppelten Vergessen anheim. Die Erinnerung blieb für Jahrzehnte auf landsmannschaftliche Verbände in der BRD beschränkt und schloss die Zeit von 1933 bis 1945 meist aus. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nehmen sich jedoch deutsche, polnische, litauische und russische Initiativen auch dieses Teils der deutschen Vergangenheit an.

Erinnerung

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Westdeutschland wieder ihre Strukturen aufbauen, auch wenn ihr rechtlicher Status noch lange ungeklärt war. Das Schicksal der wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichteten Männer trug wesentlich zur Verankerung des Rechts auf Kriegsverweigerung im Grundgesetz der Bundesrepublik bei. In der DDR wurden die Zeugen Jehovas hingegen 1950 verboten, und rund 600 Männer und Frauen, die NS-Haftstätten überlebt hatten, wurden erneut verfolgt.

Am 22. Juni 2023 beschloss der Deutsche Bundestag die Errichtung eines Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas. Es wurde im Berliner Tiergarten verwirklicht. Es steht an einem historischen Ort am Goldfischteich, wo während des Nationalsozialismus Mitglieder der Zeugen Jehovas zu konspirativen Treffen zusammenkamen und wo die Gestapo im August 1936 mehrere von ihnen verhaftete. Der Entwurf des Mahnmals stammt vom Künstler Matthias Leeck. Das zentrale Element des Mahnmals ist eine etwa fünf Meter hohe Bronzeskulptur. Diese soll in erster Linie die Standhaftigkeit der verfolgten Zeugen Jehovas symbolisieren.

Das Mahnmal wurde am 24. Juni 2026 eingeweiht. Es befindet sich in der Trägerschaft der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Angebote

Führungen, Workshops für Schulklassen und weitere pädagogische Angebote bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Öffnungszeiten

Das Denkmal ist jederzeit zugänglich.

Kontakt

http://www.stiftung-denkmal.de/

besucherservice@stiftung-denkmal.de

+49 (0) 30 26 39 43 – 36

Großer Tiergarten in der Nähe des Goldfischteichs, 10117 Berlin