Gedenkstätte für die Synagoge in Lüneburg

Gedenkstätte für die Synagoge in Lüneburg


In Lüneburg erinnert seit dem 9. November 2018 eine Gedenkstätte am früheren Standort der Synagoge an das Gebäude sowie an 200 geflohene und vertriebene, deportierte und ermordete Jüdinnen und Juden.

Geschichte

Erste Nachweise jüdischen Lebens in Lüneburg an der Ilmenau gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Nach 1680 entstand allmählich eine kleine Gemeinde, die bis 1850 auf 13 Familien anwuchs und 1871 – im Jahr der Reichseinigung – über 127 Angehörige verfügte. Am 1. Dezember 1892 erfolgte die Grundsteinlegung für ein Gebetshaus mit 200 Plätzen aus Mitteln einzelner jüdischer Familien und nach Plänen des Stadtbaumeisters Richard Krampf (1859 – 1919). Am 6. Juni 1894 wurde die Synagoge durch einen feierlichen Gottesdienst in Anwesenheit des Landesrabbiners, des Oberbürgermeisters, von Vertretern der Kirchen und politischen Amtsträgern eingeweiht. Das erste Gebet in der Synagoge war dem deutschen Kaiser und der königlichen Familie gewidmet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 begann die Ausgrenzung der knapp 200 Jüdinnen und Juden. Durch Flucht und Vertreibung sank ihre Zahl bis zum 1. August 1938 auf 39. Die Gemeindevorsteher sahen sich gezwungen, das Grundstück – weit unter Marktwert – an die Industrie- und Handelskammer zu veräußern, und mussten für den Abriss des Gebäudes aufkommen. Der letzte Gottesdienst fand am 23. Oktober 1938 statt. Während des antijüdischen Staatsterrors in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die zwei verbliebenen von Juden geführten Geschäfte in Lüneburg verwüstet. Es liegen Berichte vor, dass Fenster der leerstehenden Synagoge eingeworfen und Fensterrahmen in Brand gesteckt wurden. 1941 übernahm die Stadt das Gelände und ließ einen Kinderspielplatz errichten. In den 1950er Jahren erwarb die Lutherische Landeskirche das Grundstück und erbaute 1955 den Dienstsitz des Landessuperintendenten.

Opfergruppen

Die Gedenkstätte erinnert an die 1938 abgerissene Synagoge, an über 170 während des Nationalsozialismus geflohene und vertriebene Gemeindemitglieder sowie – namentlich – an 24 Opfer der sogenannten Euthanasie und des Holocaust aus Lüneburg.

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Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die staatliche Verfolgung der Gegner des Regimes, von Juden, als »Zigeuner« bezeichneten Roma, Patienten sowie zahlreichen anderen Gruppen. Antisemitismus wurde erstmals Bestandteil der Regierungspolitik eines modernen Staates, die Verfolgung aller Gruppen schrittweise verschärft. Dabei griffen staatliche Verordnungen, Gewalttaten von Anhängern des Regimes und die Hetze der Presse ineinander. Der Terror gegen Juden im November 1938 (»Kristallnacht«) mit etwa hundert Toten bildete den Scheitelpunkt hin zur vollständigen Ausgrenzung und Ermordung der jüdischen Minderheit. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gerieten weite Teile Europas unter deutsche Herrschaft. Insbesondere im Osten entstand ein vielgliedriges System von Lagern und Mordstätten, in dem die SS bis zu sechs Millionen Juden, unter ihnen etwa 165.000 deutsche Juden, ermordete. Die Zahl der übrigen Deutschen, die in Folge des Krieges ihr Leben verloren, wird auf etwa sieben Millionen geschätzt, darunter fast 3,5 Millionen Zivilisten. Etwa 28 Millionen Einwohner der besetzten Sowjetunion (Soldaten und Zivilbevölkerung) und drei Millionen nichtjüdische Polen kamen gewaltsam zu Tode; an sie wird in Deutschland bis heute kaum erinnert. Deutschland wurde 1945 von den Alliierten besetzt; 1949 entstanden die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) mit sehr unterschiedlichen Gedenkkulturen. In der DDR dominierte die Selbstinterpretation als »antifaschistischer« deutscher Nachfolgestaat. Die Orte der ehemaligen Konzentrationslager (KZ) Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen wurden zu »Nationalen Mahn- und Gedenkstätten« und stellten vor allem den kommunistischen Widerstand dar. In der Bundesrepublik dominierte zunächst die Erinnerung an die Opfer der alliierten Bombenangriffe, von Flucht und Vertreibung. Das Gedenken an die nationalsozialistische Verfolgung, den Holocaust oder den Widerstand war einzelnen Gruppen überlassen, Täter und Tatbeteiligungen – außerhalb juristischer Prozesse – kein Gegenstand öffentlicher Diskussion. Das änderte sich ab Mitte der 1960er Jahre, als nach intensiver Debatte die Verjährung für Mord aufgehoben wurde. Gleichzeitig entstanden Erinnerungsstätten an Orten ehemaliger KZ (1965: Dachau und Neuengamme; 1966: Bergen-Belsen) und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1968 in West-Berlin. Erst in den 1980er Jahren entwickelte sich durch lokale Initiativen eine vielfältige, oft kleinteilige Erinnerungslandschaft. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurden eine gesamtstaatliche Gedenkstättenkonzeption entwickelt und Orte der Erinnerung umfangreich überarbeitet. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin konnte 2005 der Öffentlichkeit übergeben werden. Eine umfangreiche Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Täter, die Topographie des Terrors, wurde im Mai 2010 eröffnet; das Ausstellungszentrum »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« folgte 2021. Mittlerweile erinnern zentrale Denkmäler in Berlin auch an weitere Opfergruppen: An die ermordeten Sinti und Roma, an die Opfer im Rahmen der NS-»Euthanasie« ermordeten Patienten und an die verfolgten Homosexuellen. Die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in den früheren Ostgebieten fielen nach Kriegsende einem doppelten Vergessen anheim. Die Erinnerung blieb für Jahrzehnte auf landsmannschaftliche Verbände in der BRD beschränkt und schloss die Zeit von 1933 bis 1945 meist aus. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nehmen sich jedoch deutsche, polnische, litauische und russische Initiativen auch dieses Teils der deutschen Vergangenheit an.

Erinnerung

Nach Kriegsende 1945 fanden etwa 600 Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen Zuflucht in Lüneburg. Sie begründeten eine neue jüdische Gemeinde, die sich 1959 auflöste. Diese errichtete 1950 einen Gedenkstein auf dem früheren Grundstück der Synagoge. 2018 – 80 Jahre nach dessen Zwangsverkauf – wurde auf Initiative der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und nach Plänen des Architekten Carl-Peter von Mansberg eine Gedenkstätte eingerichtet, in deren Mitte der Gedenkstein steht. An den Innenwänden erinnern Tafeln an die Opfer der sogenannten Euthanasie und des Holocaust sowie an aus der Stadt vertriebene jüdische Familien. Die Einweihung fand am 9. November 2018 im Beisein von Nachkommen jüdischer Lüneburger statt.

Öffnungszeiten

Die Gedenkstätte ist jederzeit zugänglich.

Kontakt

Am Schifferwall 5
21335 Lüneburg