»Concentrationslager« Büren an der Aare

»Concentrationslager« Büren an der Aare


Das »Concentrationslager« Büren an der Aare war das größte Flüchtlingslager, das jemals in der Schweiz errichtet wurde. 1940 gebaut und bis 1946 in Nutzung, nahm es Schutzsuchende aus unterschiedlichster Herkunft auf, darunter auch jüdische Flüchtlinge. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das gesamte Lager abgerissen, außer die ehemalige Wäscherei. Heute zeugt ein Gedenkstein von der Geschichte des Lagers.

Geschichte

Bereits im Frühjahr 1940 waren Polen und ein Großteil Westeuropas unter deutscher Besatzung. Im Juni 1940 flohen fast 43.000 Soldaten aus Frankreich, Polen und anderen europäischen Ländern in die Schweiz, um dort Zuflucht zu finden. Als Reaktion darauf beschlossen die Behörden, ein »Concentrationslager« in Büren an der Aare, einer Gemeinde im Kanton Bern, zu errichten, um dort die Polen kostengünstig zu internieren, und beauftragten den Ingenieur Ferdinand Rothpletz mit der Planung. Das Lager wurde im Herbst 1940 fertig gebaut. Zwischen Ende 1940 und Mitte 1942 wurden 3.500 polnische Soldaten dort interniert.

Nach und nach wurden die Polen in andere Kantonen verlegt und in »Arbeitsdetachementen« eingesetzt, und das Lager leerte sich. Als jedoch die Deutschen die Verfolgung der europäischen Juden ab 1942 intensivierten, suchten Tausende Juden aus den Benelux-Staaten und Frankreich Zuflucht in der Schweiz. Das Lager in Büren wurde zum Auffanglager für rund 1.000 Zivilisten, in der Mehrheit Juden. Im Februar 1943 wurden zusätzlich 400 junge Elsässer im Lager interniert, die in die Schweiz geflüchtet waren, um sich der Einberufung in die deutsche Wehrmacht zu entziehen.

Nach der deutschen Besetzung Nord- und Mittelitaliens im September 1943 kam es zu einer massiven Fluchtbewegung von dort in die Schweiz. Mitte September 1943 waren rund 850 Italiener in Büren untergebracht. Die letzte große Gruppe von Flüchtlingen kam im Frühling 1945, als viele versuchten, der Gewalt der letzten Wochen des Krieges zu entkommen. Viele von ihnen waren Bürger der Sowjetunion, die aus deutscher Kriegsgefangenschaft oder Zwangsarbeitslagern geflohen waren. Nach Kriegsende konnten die meisten Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurückkehren, doch 700 sowjetische Bürger verweigerten die Repatriierung in Stalins UdSSR, weil sie dort als Verräter galten und Repressalien befürchteten. Die in der Schweiz gebliebenen wurden im August 1946 verlegt, anschließend wurde das Lager in Büren vollständig abgerissen, außer die ehemalige Wäscherei.

Opfergruppen

Zwischen 1940 und 1946 durchliefen 7.000 bis 8.000 Flüchtlinge das Lager. Die meisten blieben nur wenige Monate im Lager, bevor sie in andere Kantonen der Schweiz verlegt wurden. Meist wurden sie zur Arbeit eingesetzt.

Im »Concentrationslager« Büren an der Aare kam niemand zu Tode. Die Lebensumstände im Lager waren meist ausreichend, auch wenn es öfter zu Beschwerden und Spannungen zwischen den Internierten und den schweizerischen Behörden kam.

Erfahre mehr über Schweiz

Während des Zweiten Weltkrieges blieb die neutrale Schweiz eine Ausnahme in Europa: Im Gegensatz zu anderen neutralen Ländern wie Belgien und Norwegen wurde die Schweiz nicht von der deutschen Wehrmacht angegriffen. Tatsächlich ließ die deutsche Heeresleitung zusammen mit dem italienischen Militär im Juni 1940 unter dem Decknamen »Operation Tannenbaum« einen Angriffsplan gegen die Schweiz erarbeiten, der aber nie ausgeführt wurde, weil der Krieg gegen Großbritannien und später die Sowjetunion für Berlin Priorität hatte. Somit blieb die Schweiz bis zum Kriegsende weitestgehend von Kriegshandlungen verschont, obwohl einige Städte wie Zürich und Basel durch unbeabsichtigte Bombenabwürfe beschädigt wurden. Dennoch spielte die Schweiz eine wichtige Rolle im Krieg, vor allem durch Handel und finanzielle Zusammenarbeit sowohl mit den Achsenmächten als auch mit den Alliierten. So wickelte das nationalsozialistische Deutschland zwischen 1939 und 1945 über 75 Prozent seiner Goldgeschäfte mit dem Ausland über die Schweiz ab und verkaufte Gold im Wert von rund einer Milliarde Schweizer Franken an die Schweizerische Nationalbank. Auf der anderen Seite kaufte die Schweiz zur selben Zeit Gold im Wert von fast 3 Milliarden Schweizer Franken von den Alliierten. Außerdem schloss die Schweiz parallele Abkommen mit den Achsenmächten und den Alliierten ab, um beiden Seiten Kredite zu gewähren. Diese aktive wirtschaftliche Verflechtung mit dem nationalsozialistischen Deutschland sorgte für zunehmende Kritik von den Alliierten, vor allem nach der militärischen Wende vom Winter 1942-1943. Die Schweiz diente auch als Aufnahmeort für Flüchtlinge während des Zweiten Weltkrieges. Insgesamt nahm die Schweiz 290.000 Schutzsuchende auf, darunter längerfristig 104.000 Soldaten und 60.000 Zivilisten. Von den aufgenommenen Soldaten wurde die Mehrheit in Lagern wie dem »Concentrationslager« Büren an der Aare und dem Internierungslager Girenbad interniert. Von den zivilen Flüchtlingen waren rund 28.000 Juden. Aufgrund der restriktiven Flüchtlingspolitik der Schweiz wurden Juden jedoch zunächst nicht als politische Flüchtlinge anerkannt, was zu zahlreichen Zurückweisungen führte. Außerdem wurden deutsche und österreichische Juden ab 1938 durch einen »J-Stempel« im Pass gekennzeichnet, was ihre Zurückweisung durch die schweizerischen Behörden vereinfachte. Auch Sinti und Roma waren von Einreiseverboten und Ausweisungen betroffen. Erst im Juli 1944 erteilten die schweizerischen Behörden die offizielle Weisung, alle an Leib und Leben gefährdeten Zivilisten aufzunehmen. Insgesamt wurden somit zwischen 1939 und 1945 über 20.000 Zivilisten an der schweizerischen Grenze zurückgewiesen, darunter rund 5.500 Juden und eine unbekannte Anzahl von Sinti und Roma. Gleichzeitig wurden fast 1.000 schweizerische Staatsbürger, die während des Zweiten Weltkrieges im Ausland gelebt hatten, in deutsche Konzentrationslager verschleppt. 200 kamen dabei ums Leben. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde zunächst relativ wenig getan, um die Rolle, die die Schweiz im Zweiten Weltkrieg spielte, kritisch zu hinterfragen. Impulsgebend waren jedoch der Flüchtlingsbericht von Carl Ludwig (1957) und der Bericht über die Neutralität der Schweiz von Edgar Bonjour (1970) sowie kritische Werke von Schriftstellern wie Max Frisch und Stefan Keller. Erst ab den 1990er Jahren schritt die Aufarbeitung der schweizerischen Zeitgeschichte voran. Einen wichtigen Schritt machte dabei Ende 1995 der damalige Bundespräsident Kaspar Villiger, als er sich zum ersten Mal für das an jüdischen Verfolgten begangene Unrecht entschuldigte. Daraufhin beauftragte das Parlament im folgenden Jahr eine Unabhängige Expertenkommission (UEK) unter der Leitung des Historikers Jean-François Bergier, um die schweizerische Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges eingehend zu untersuchen. Die UEK veröffentlichte im März 2002 ihren Schlussbericht, den sogenannten Bergier-Bericht. Obwohl der Bericht sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Historiografie kritisiert wurde, öffnete er die Tür für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der schweizerischen Zeitgeschichte und schuf Distanz zum Mythos der Schweiz als Zufluchtsort für Verfolgte. Zur selben Zeit schlossen sich einige schweizerische Großbanken zusammen, um sogenannte nachrichtenlose Vermögen von Holocaust-Opfern zu untersuchen und zurückzuerstatten. Seit 2004 ist die Schweiz Mitglied der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Heute zählt man 54 lokale Holocaust-Denkmäler in der Schweiz sowie neu entstandene Initiativen wie die Gedenkstätte für Flüchtlinge zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Riehen und den Gedenkpfad von Thônex an der französischen Grenze. Außerdem ist die Eröffnung des ersten nationalen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus in der Schweiz für 2027/28 vorgesehen. Das Denkmal soll aus einem zentralen Erinnerungsort in Bern und einem Vermittlungszentrum im Kanton St. Gallen bestehen.

Erinnerung

In der Nachkriegszeit war die Aufarbeitung der Rolle, die die Schweiz im Zweiten Weltkrieg gespielt hatte, eine mühsame Aufgabe. Impulsgebend waren vor allem der Flüchtlingsbericht von Carl Ludwig (1957) und der Bericht über die Neutralität der Schweiz von Edgar Bonjour (1970), doch der Mythos der Schweiz als Zufluchtsort für Verfolgte bestand trotzdem bis in die 1990er Jahre. Mit der Berufung der Unabhängigen Expertenkommission (UEK) durch das schweizerische Parlament im Jahr 1996 und der Veröffentlichung ihres Schlussberichts, des sogenannten Bergier-Berichts, im Jahr 2002, wurde die schweizerische Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges zum ersten Mal eingehend untersucht. Dies leitete eine kritische Auseinandersetzung mit der schweizerischen Zeitgeschichte in der öffentlichen Debatte ein.

In diesem Kontext fand das »Concentrationslager« Büren an der Aare jahrzehntelang wenig Beachtung, obwohl es sich eigentlich um das größte Flüchtlingslager handelte, das jemals in der Schweiz errichtet wurde. 1999 wurde das Lager zum ersten Mal in einer wissenschaftlichen Publikation von den Historikern Jürg Stadelmann und Selina Krause eingehend untersucht. 2000 wurde außerdem ein Gedenkstein auf dem Gelände des ehemaligen Lagers auf Initiative der Vereinigung Heimatpflege Büren errichtet.

Öffnungszeiten

Das Denkmal ist jederzeit zugänglich.

Kontakt

https://www.heimatpflege.ch/themen/interniertenlager

info@heimatpflege.ch

3294 Büren an der Aare
Schweiz/Switzerland